| Du möchtest mehr von mir wissen? Deshalb hast Du mir diesen Fragebogen gegeben?
Die Antworten fallen mir schwer, ich mag so viele Dinge und
wirklich weniges am liebsten oder gar nicht. Warte, nein, geh nicht weg, Sei
nicht enttäuscht, ich will Dir von mir erzählen:
Am allerliebsten erwache ich, wenn die Sonne in mein Gesicht strahlt.
Das warme Licht behagt mir genau wie der Liebsten warmer Körper an den ich mich
wohlig schmiege und den ich fest umarme und küsse. Noch bevor ich meine Augen
öffne, danke ich im Gebet für mein glückliches Erwachen an einem neuen Tag.
Meine Tage sind anders geworden. Fremd geworden ist mir verkatertes Unwohlsein
mit üblen Gestank meines Atems und meiner Fäkalien. Wehmut hingegen den Tagen, denen das Zuviel an Rotwein
einen Kater zauberte, der rauschhaft Sex und Gewalt verband und daraus üppige Geschichten
aufs Papier ließ. Und Freude dem morgendlichen Flug der
Gedanken ins Nichts. Der gehört zu mir, egal ob nüchtern oder im Rausch.
Kaltes Wasser erfrischt mich schnell zum Beginn meiner ausgiebigen, mindestens
einstündigen Morgentoilette, bei der meine Gedanken umherstreunen. Als
ich beim Zähneputzen fast prusten muß, weil meine Grimassen so unschicklich
sind, fällt mir ein träges, müdes Wintergesicht ein, das mir genauso gut
gefiel: Wann war das? November, Dezember? Jedenfalls ein kalter Morgen, den die
Nacht mit Schnee, den ein roter Engelsbäckerhimmel in blaurote Farben tauchte,
bedeckt hatte. Ja, mein Gesicht war ganz zerknautscht und unwirsch. Mir schien
alles viel zu früh. Also spülte ich meinen Körper mit warmen Wasser ab und
verschwand nach kurzem Frühstück lesend im Bett. „Nein. So war es gar nicht“,
fällt mir ein, ich war sogar zu faul zum Duschen. Ich ging direkt Frühstücken
und ließ mir warmes Wasser in die Wanne und las Doris Mortmans „Flügel der
Freiheit“ in einem Zug. Hinterher war meine Haut ganz verwelkt. Im Gegensatz zu
Amelie liebe ich diese Falten.
Bevor ich Pranayama praktiziere schicke ich alle Gedankensprünge ins Nichts und
bin bereit meinem Atem zu lauschen. Danach entspanne ich mich und wende mich
einem kurzen leckeren Frühstück zu. Am liebsten sind mir Erdbeeren oder Kiwis,
aber ein gutes vegetarisches Sandwich vermag meinen
Hunger ebenso zu dämpfen. Doch auch einfaches Müsli mit Soja-Reismilch ist mir
stets willkommen. Daran mag ich besonders die Süße des fermentierten Reis. Beim
Essen höre ich die Carmina Burana und lese selbstgeschriebene Geschichten. Und
träume davon besser schreiben zu können als Philippe Djian, Arthur Miller,
Jerome Charyn, Fjodor Dostojewski, Douglas Adams, Gottfried Benn und all die
anderen. Kann ich natürlich nicht. Ist vielleicht auch nicht ganz so schlimm,
wenn Du jetzt noch liest.
Nach dem Frühstück drängt mein voller Bauch mich zum Schreiben. Am liebsten
weiter an diesem einen Roman, dessen Fertigstellung schon mehr als ein Jahr
braucht. Wie viele es wohl werden? Romane? Jahre?
Und dann kommt etwas, das ich wirklich hasse: Telefonklingeln um neun Uhr
dreißig. Schnell beeile ich mich, denn meine Allerliebste soll nicht
erwachen. Verschlafen hauche ich „Hallo“ in den Hörer und am anderen Ende
spricht meine Chefin. Wie oft… habe ich es ihr nicht gesagt … nicht vor zehn
Uhr. Aber der Tag ist perfekt, also warte ich ab, was sie mir zu sagen
hat. „Martin, ich habe eine tolle Nachricht für Dich! Du wirst es nicht glauben.
Die Verwaltung hat Dein Projekt gesehen und möchte Dein Engagement fördern. Du
bekommst drei Jahre bezahlten Urlaub.“ - „Wahnsinn! Muss ich unterschreiben
kommen?“ – „Nein, Du bekommst morgen einen Brief, da steht alles drin.
Herzlichen Glückwunsch..“ „Mann, jetzt würde ich meine Chefin so richtig gerne
umarmen.“, denke ich mir und bedanke mich überschwänglich. Wir verabschieden
uns. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass nicht der erste April ist,
zerreiße ich den Dienstplan, küsse die Papierschnipsel und werfe das grobe
Konfetti in die Luft. Während das Papier auf mich nieder schneit mache ich einen
Freudentanz. Ich schalte das Telefon aus und erfinde eine neue Geschichte. Um
elf Uhr höre ich Lebenszeichen. Sie ist es. Sie ist erwacht. Die Frau an meiner
Seite bewegt sich unsicher und müde im Badezimmer. Die Müdigkeit ermöglicht das
Eigenleben unseres Poltergeistes. Schnell koche ich ihren Espresso. Er ist
fertig als sie in die Küche kommt. Der Geruch macht ihr gute Laune. Ich umarme
sie und kann meinen Mund nicht halten. Es ist so schrecklich, aber manchmal bin
ich halt ein verdammter Angeber: „Schatz, ich habe drei Jahre frei!“ – Das
schlimmste fürchtend, fragt sie mit ihrer italienischen Grammatik : “Haben sie
Dir gekündigt?“ Ich beruhige sie, erkläre ihr alles. „In Deutschland sind alle
verrückt.“, meint sie. „Bist Du sicher, ist kein Scherz ?“ Die Liebste an
meiner Seite hat meiner Angeberei schon verziehen, und spielt jetzt auf meine enorme Gutgläubigkeit an. „Nein, nein“, wiegle ich ab, „was meine Chefin sagt,
meint sie auch.“ Doch irgendwie hat dies bezaubernde Mädchen es geschafft mich
zu verunsichern. Ist auch nicht wirklich schwer bei mir. „Naja, und wenn schon“,
antworte ich trotzig, „immerhin habe ich heute gute Laune.“ Dann hören wir
andere Musik, die Liebste mag Oper morgens weniger als ich. Sie schaltet das
Radio ein und sie spielen nur Songs, die wir beide mögen. Dazu intelligente
Dialoge und die Nachrichten. Am perfekten Tag? Nachrichten? Nur die besten:
Weltfriedensabkommen, Abrüstung, Aufstockung des Gesundheitswesen, Einführung
des Existenzgeldes mit Einleitung der zwanzig jährigen Umstellungsphase zur
Abschaffung des Finanzwesens, Anstreben der Gesundheitsdefinition der WHO
für alle Menschen als internationale Priorität von höchster Dringlichkeit,
Erfüllungspflicht der Versprechen öffentlicher Personen mit persönlicher
Haftung. Verpflichtung zur einer zwanzig wochenstündigen, kostenfreien Teilnahme
von Nichtarbeitenden in Gemeinschaftsprojekten wie Sportvereinen,
Betroffenengruppen oder Arbeitsinitiativen, wobei der Arbeitsfreie selbst die
Art der Tätigkeit wählt. Nachdem wir uns über die guten Nachrichten gefreut
haben, spielt das Radio orientalische Tanzmusik von Jahlilahs Raki Sharki .
Meine Liebste, erfreut durch die schönen Nachrichten tanzt gekonnt zur Musik.
Für mich. Und natürlich als Ausdruck ihrer Freude.
Jetzt braucht meine Liebste Zeit für sich. Ich ziehe mich zurück und möchte Hatha-Yoga praktizieren.
Gerade als ich beginnen möchte klingelt die Tür. Freunde von mir: "Komm mit in
den Park, Martin. Wir wollen dort zusammen Yoga üben." Begeistert schließe
ich mich ihnen an. Mit gedankenloser Meditation beenden wir unser gemeinsames
Treffen. Wir genießen die Stille.
Mittags spiele ich mit meinem Freund an einer stark frequentierten Straße im
Cafe Schach. Wir sind erstaunt: Ein schwarzer Rolls Royce Phantom II hält an und
ein großer, muskulöser Chauffeur steigt aus. Er kommt auf uns zu und lädt mich ein. Ich zahle meinen Milchkaffee und
verabschiede mich von meinem Freund. Ich steige ein und verpasse glücklich
gesegnet das unangenehme Surren einer Wespe, die nur wenige Minuten später mein
Ohr hätte küssen wollen. Auch erschrecke ich mich nicht über das fallende,
zerbrechende Glas. Stattdessen lehrt mich die fleischliche Jessica Rabbit das
Kamasutra. „Schläfst Du?“, fragt mich mein Freund. Ich öffne die Augen. Ich bin
wieder am Zug. Die Kellnerin fegt Scherben. Verzückt, genau wie in der
plötzlichen Stille, in einer vollen S-Bahn am Bahnhof, höre ich ganz genau hin. Dann
ziehe ich die entscheidende Figur. Mein Freund gibt auf. Später verabreden wir
uns: Am Samstag zum Tanzen im Supamolly. Am Freitag gehe ich mit meiner Liebsten in
die Schatten des
K17. Dort bieten die DJs mir Alt und Neu zu einem Preis. Mein Freund und ich
wollen zahlen, die Kellnerin kommt zu uns und zeigt sich äußerst arrogant. Ich
schließe sie sofort ins Herz. Natürlich bekommt sie Trinkgeld. Auf der Straße
treffen wir Bekannte und die Straßenkünstler vom „Tony Clifton Circus“. Ihre
Show ist schnell und skurril. Ich belohne sie großzügig. Beim Weitergehen fällt
mir ein, wie schön es ist, dass man in Berlin so selten bergauf laufen muss.
Natürlich gehört zu dem perfekten Tag auch Sex. Ganz früh am Morgen, trunken vom
Schlaf oder Genüssen der letzten Nacht, Mittags an einem verregneten Tag, an dem
die Regentropfen auf das Zeltdach trommeln oder im Mondenschein und Kerzenlicht
bei endlos laufender Musik, nachdem Hände warm massierten.
„Du weichst ab“, erinnerst Du mich. Auf dem Tisch zwischen uns liegt immer noch
der Fragebogen, der mir nur halb behagt. Dennoch nehme ich ihn auf und
überfliege die Fragen und lege ihn wieder zurück. „Weißt Du die Fragen nach
meinen Lieblingsdingen kann ich Dir schwer beantworten, jedes Mal wenn ich eines
nenne, fallen mir sieben andere ein. Aber wenn ich an dem perfekten Tag nicht
gemütlich in der Badewanne liege und meine Haut faltig lese, bin ich in meiner
norddeutschen Heimat und fühle den kräftigen Wind, der über das flache Land zieht,
das sich bis zum Horizont erstreckt. Das Gras scheint ein stilles, grünes
Meer zu sein. Oder ich wäre am Atlantik, an der Küste einer schottischen Insel
auf den Cliffs, wo die Sturmvögel schreien und mit den Möwen ums Futter kämpfen.
Vielleicht wäre aber auch ein verregneter Tag, an dem ich mit dem Regenschirm
über Pfützen spränge. Vergesse ich etwa Tokio?
Zurück zum perfekten Tag: Die Liebste an meiner Seite ist kosmetisch erstrahlt
und bereit mit mir in das kunstgeschichtliches Museum zu gehen. Michelangelo,
Ernst, Matisse, El Greco und Beuys sind dort ausgestellt. Wir sehen natürlich
vielmehr, auch modernste Kunst: Vollkommen fremd und Verständnis aus dem Nichts
erzeugend oder in Frage stellend. Danach gehen wir essen. Am besten bei meiner
Liebsten daheim: In Apulien: Oliven, Parmesana, Pasta, Peperoni, der
vegetarische Traum an einem Tisch. Nach mehreren Stunden sind die Hosen längst
geöffnet, der Blutzucker ist ins unermessliche gestiegen und ich kann mich nicht
mehr bewegen. Pappsatt. Kurz genieße ich den Augenblick, das Finale der Völlerei
und nehme mir mit letzter Kraft ein wunderbares Kuchenstück. Es schmeckt genauso
gut, als hätte ich Tage dafür gefastet.
Mit vollem Bauch gehen wir mit italienischen Freunden an den Strand und sehen im
Freilichtkino unter Millionen Sternen die neueste Produktion von Quentin
Tarantino, David Lynch, Martin Scorcese und Roman Polanski. Schauspieler sind Robert de Niro,
Ben Becker, Johnny Depp, Uma Thurman, Klaus Kinsky, Romy Schneider, Anthony
Hopkins, Angela Jones und Antonio Banderas. Nach dem Film, gehen wir in eine Bar,
kaufen Getränke und kehren zum Strand zurück. Dort entzünden wir das
Feuer, das uns bis zum Morgen wärmt
von Martin Teuschel Zum Seitenanfang zur Übersicht | | |